Jesus lehrt das Vaterunser
Ausschnitt, bzw. der zweite Teil des Kapitels 243 aus
dem Buch:
"Der Gottmensch" von
Maria Valtorta
Aus dem Italienischen
und Ausschnitt aus Kapitel 411
»Hört. Wenn ihr betet, sprecht so:
„Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme auf Erden wie im Himmel, und auf Erden wie im Himmel geschehe dein Wille. Gib uns heute unser tägliches Brot, vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern, und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“«
Jesus hat sich erhoben, um das Gebet zu sprechen, und alle haben
es ihm nachgetan, aufmerksam und bewegt.
»Anderes braucht es nicht, meine Freunde. In diesen Worten ist
alles, was der Mensch für die Seele, den Leib und das Blut benötigt
wie in einem goldenen Ring eingeschlossen. Mit diesem Gebet
bittet um das, was dem einen und den anderen nützlich ist; wenn
ihr darum bittet, werdet ihr das ewige Leben erlangen. Es ist ein so
vollkommenes Gebet, dass die Wellen der Häretiker und der Lauf
der Jahrhunderte es nicht zu ändern imstande sind. Das Christentum
wird vom Biss Satans zerstückelt werden, und viele Teile meines
mystischen Leibes werden zerrissen und abgetrennt, eigene Zellen
bilden, im vergeblichen Verlangen, einen vollkommenen Leib zu gestalten,
wie es der mystische Leib Christi ist, in welchem alle Gläubigen
in der apostolischen Kirche vereint sind und in der alleinigen
wahren Kirche, die bestehen wird, so lange die Erde besteht! Aber
die abgetrennten Teilchen, denen die Gaben nicht zukommen, die
ich der Mutterkirche schenke, um meine Kinder zu nähren, werden
sich immer christlich nennen und sich dessen erinnern, dass sie auf
Christus zurückzuführen sind. Auch sie werden dieses universelle
Gebet beten. Vergesst es nie und denkt stets darüber nach. Wendet
es auf euer Wirken an. Es braucht nichts anderes für die Heiligung.
Wenn einer allein unter Heiden, ohne Kirche und ohne Bücher wäre,
hätte er alles, was zur Betrachtung erforderlich ist, in diesem Gebet,
und eine offene Kirche in seinem Herzen durch dieses Gebet. Er
hätte eine Regel und ein sicheres Mittel, sich zu heiligen.
„Vater unser“.
Ich nenne ihn Vater. Er ist der Vater des Wortes. Er ist der Vater
des Menschgewordenen. Daher will ich, dass auch ihr ihn so nennt;
denn ihr seid eins mit mir, wenn ihr in mir bleibt. Es hat eine Zeit gegeben,
da musste der Mensch sein Antlitz zur Erde werfen und vor
Schrecken zitternd flüstern: „Gott!“ Wer nicht an mich und mein
Wort glaubt, befindet sich immer noch in dieser lähmenden Angst.
Beobachtet, was im Tempel geschieht. Nicht nur Gott, sondern sogar
die Erinnerung an Gott ist hinter dem dreifachen Schleier den
Augen der Menschen verborgen. Trennung durch Entfernung, Trennung
durch Verschleierung. Alle Mittel werden angewandt, um dem
Beter zu sagen: „Du bist Staub. Er ist Licht. Du bist Verworfenheit.
Er ist Heiligkeit. Du bist Sklave. Er ist König.“
Aber nun! . . . Erhebt euch! Tretet näher! Ich bin der Ewige Priester.
Ich kann euch an der Hand nehmen und sagen: „Kommt!“ Ich
kann den Vorhang der Verschleierung ergreifen und den unbetretbaren
Ort öffnen, der bisher verschlossen war. Verschlossen? Warum?
Verschlossen aufgrund der Schuld, ja! Aber noch mehr verschlossen
durch das niedrige Denken der Menschen. Warum aber verschlossen,
wenn Gott die Liebe, der Vater, ist? Ich kann, ich soll und ich
will euch nicht in den Staub treten, sondern ins Himmelsblau ziehen,
nicht entfernen, sondern annähern, nicht ins Gewand der Sklaven
kleiden, sondern der Söhne am Herzen Gottes. „Vater! Vater!“ müsst
ihr sagen. Ihr dürft nicht müde werden, dieses Wort zu wiederholen.
Wisst ihr denn nicht, dass jedesmal, wenn ihr es aussprecht, der Himmel
wegen der Freude Gottes aufleuchtet? Und wenn ihr nur das
und mit wahrer Liebe sagen würdet, sprächt ihr ein Gott wohlgefälliges
Gebet. „Vater, mein Vater!“ sagen die Kinder zu ihrem Vater.
Es sind die ersten Worte, die sie sprechen: „Mutter, Vater.“ Ihr seid
die Kinder Gottes. Ich habe euch aus dem alten Menschen, der ihr
wart, gebildet; ich habe ihn mit meiner Liebe vernichtet, damit ein
neuer Mensch, der Christ, daraus geboren werde. Ruft also mit dem
Wort, das die Kinder als erstes kennen, den heiligsten Vater an, der
im Himmel ist.
„Geheiligt werde dein Name“.
Oh! Ein Name, der mehr als jeder andere heilig und wohlklingend
ist. Ein Name, den der Schrecken des Schuldhaften unter anderen
zu verbergen gelehrt hat. Nein, nicht mehr Adonai! Gott ist es! Gott,
der in einem Übermass an Liebe die Menschen erschaffen hat. Die
Menschheit ruft ihn von nun an bei seinem Namen, mit den Lippen,
die gereinigt sind im Bad, das ich bereite; sie nennt ihn mit seinem
Namen in der Erwartung, die wahre Bedeutung des Unbegreiflichen
in der Fülle der Weisheit verstehen zu lernen, wenn die Menschheit
in ihren besten Söhnen mit Ihm vereint und angenommen wird im
Reiche, das zu gründen ich gekommen bin.
„Dein Reich komme auf Erden wie im Himmel“.
Ersehnt mit all euren Kräften diese Ankunft. Es wäre die Seligkeit
auf Erden, wenn es käme: das Reich Gottes in den Herzen, in den
Familien, in den Bürgern und den Nationen. Leidet, bemüht euch,
opfert euch auch für dieses Reich. Die Erde soll in den einzelnen
ein Spiegelbild des Lebens in den Himmeln sein. Es wird kommen.
Eines Tages wird alles kommen. Jahrhunderte um Jahrhunderte der
Tränen und des Blutes, der Irrtümer, der Verfolgungen, der Trümmer
und des Nebels, in dem das Licht des mystischen Leuchtturms
meiner Kirche leuchtet, werden vergehen. Aber das Schiff der Kirche
wird nicht untergehen. Wie ein unerschütterlicher Fels wird sie
jedem Angriff standhalten und das Licht hochhalten, mein Licht, das
Licht Gottes. Erst danach wird die Erde das Reich Gottes besitzen.
Und sie wird dann wie das starke Aufflammen eines Sternes sein,
der die Vollkommenheit seiner Existenz erreicht hat und zerfällt; unermessliche Blume der kosmischen Gärten, um mit strahlendem
Pulsschlag seine Existenz und seine Liebe zu Füssen seines Schöpfers
auszuhauchen. Es wird kommen, das Reich! Und es wird ein
vollkommenes Reich sein, das selige, ewige Reich des Himmels.
„Und auf Erden wie im Himmel geschehe dein Wille“.
Das Aufgeben des eigenen Willens in einen anderen kann erst vollzogen
werden, wenn die vollkommene Liebe das Geschöpf erreicht.
Das Sich-Auflösen des eigenen Willens im Willen Gottes kann nur
erfolgen, wenn man die theologischen Tugenden in heroischer Weise
besitzt. Im Himmel, wo alles makellos ist, gilt nur der Wille Gottes.
Versteht es, ihr Kinder des Himmels, das zu tun, was im Himmel
getan wird!
„Gib uns unser tägliches Brot“.
Wenn ihr im Himmel seid, werdet ihr euch nur in Gott nähren. Die
Seligkeit wird eure Nahrung sein. Aber hier habt ihr noch Brot nötig.
Ihr seid die Kinder Gottes. Es ist daher richtig, zu bitten: „Vater, gib
uns Brot.“ Habt ihr Angst, nicht erhört zu werden? O nein. Überlegt:
Wenn einer von euch einen Freund hat und bemerkt, dass er kein Brot
hat, um einen anderen Freund oder Verwandten, der am Ende der
zweiten Nachtwache zu ihm kommt, zu sättigen, dann geht er zum
ersten und sagt: „Freund, leihe mir drei Brote, denn es ist ein Gast
gekommen und ich habe nichts zu essen im Haus.“ Wird er je die
Antwort hören müssen: „Störe mich nicht, ich habe die Türe schon
geschlossen und den Riegel vorgelegt, und meine Kinder schlafen
schon an meiner Seite. Ich kann nicht aufstehen und dir geben, was
du verlangst?“ Nein. Wenn er sich an einen wahren Freund gewandt
hat und weiter bittet, wird er bekommen, was er verlangt. Er würde
es auch bekommen, wenn er sich an keinen besonders guten Freund
gewandt hätte. Er bekäme es schon wegen seines Drängens; denn
der um diesen Gefallen Ersuchte würde dem Drängen nachgeben,
um nicht länger belästigt zu werden.
Ihr aber wendet euch, wenn ihr den Vater bittet, nicht an einen
Freund dieser Erde, sondern an den vollkommenen Freund, den Vater
des Himmels! Daher sage ich euch: „Bittet, und es wird euch gegeben
werden; sucht, und ihr werdet finden; klopft an, und es wird
euch aufgemacht werden.“ Denn wer bittet, empfängt; wer sucht,
der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet werden. Welches
Menschenkind bekommt einen Stein in die Hand gelegt, wenn es
den eigenen Vater um Brot bittet? Wird der Vater ihm anstelle eines
gebratenen Fisches eine Schlange geben? Ein Vater, der die eigenen
Kinder so behandelt, wäre ein Verbrecher. Ich habe es euch schon
einmal gesagt, und ich wiederhole es nun, um in euch die Güte und
das Vertrauen zu stärken: wenn also einer, mit gesundem Verstand,
keinen Skorpion anstelle eines Eies gibt, mit welch grösserer Güte
wird Gott euch geben, um was ihr bittet! Denn er ist gut, während
ihr mehr oder weniger schlecht seid. Bittet also mit demütiger und
kindlicher Liebe den Vater um das tägliche Brot.
„Vergib uns unsere Schuld, wie wir sie unseren Schuldigern vergeben“.
Es gibt materielle und geistige Schuld. Es gibt auch moralische
Schuld. Eine materielle Schuld ist das Geld oder die Ware, die geliehen
ist und darum zurückgegeben werden muss. Eine moralische
Schuld ist die Ehrabschneidung, die nicht wiedergutgemacht wurde,
und erbetene, doch verweigerte Hilfe. Geistige Schuld ist der Gehorsam
gegenüber Gott, der viel verlangt, dem aber nur wenig gegeben
wird. Er liebt uns und muss geliebt werden wie eine Mutter, eine
Gattin oder ein Sohn, von denen man vieles verlangt. Der Egoist
will haben, nicht geben. Aber der Egoist gehört zur Gegenseite des
Himmels.
Wir haben Schulden gegenüber allen. Von Gott bis zum Verwandten,
von diesem bis zum Freund, vom Freund bis zum Nächsten,
vom Nächsten bis zum Diener und Sklaven; denn sie alle sind Geschöpfe,
wie wir es sind. Wehe dem, der nicht verzeiht! Ihm wird
nicht vergeben werden. Gott kann – aus Gerechtigkeit – keine Schuld
nachlassen, wenn der Mensch nicht seinesgleichen verzeiht.
„Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“.
Der Mann, der es nicht für nötig hielt, mit uns das Ostermahl zu
teilen, hat mich vor ungefähr einem Jahr gefragt: „Wie? Du hast gebeten,
nicht versucht zu werden, und um Hilfe in den Versuchungen?“
Wir beide waren allein; und ich habe ihm geantwortet. Dann waren
wir zu viert an einem einsamen Ufer, und ich habe noch einmal
geantwortet. Doch es war bisher ergebnislos; denn in einen widerspenstigen
Geist muss erst eine Bresche geschlagen und die bösartige
Festung der Starrköpfigkeit zerstört werden. Und darum will ich
es noch einmal, zehnmal, hundertmal sagen, bis alles vollzogen ist.
Aber ihr, die ihr euch nicht mit unglücklichen Lehren und noch
unglücklicheren Leidenschaften beschäftigt, betet so: Betet mit Demut, dass Gott die Versuchungen verhindere. Oh, die Demut! Sich
als das zu erkennen, was man ist! Ohne darüber zu verzweifeln, sondern
um zu erkennen. Zu sagen: „Ich könnte nachgeben, obgleich
ich keine Lust dazu habe, denn ich bin ein unvollkommener Richter
mir selbst gegenüber. Darum, Vater, halte wenn möglich die Versuchungen
von mir fern, indem du mich so nahe bei dir hältst, dass der
Böse keine Möglichkeit hat, mir zu schaden.“ Denn, erinnert euch
daran, es ist nicht Gott, der zum Bösen versucht, sondern es ist der
Böse, der versucht. Bittet den Vater, dass er euch in eurer Schwäche
unterstütze, um nicht den Versuchungen des Bösen zu unterliegen!
Ich habe gesprochen, meine Auserwählten! Ich feiere mein zweites
Ostern mit euch. Letztes Jahr haben wir nur das Brot und das
Lamm miteinander geteilt. Dieses Jahr schenke ich euch das Gebet.
Andere Gaben werde ich bei den kommenden Osterfesten mit euch
teilen, damit ihr, wenn ich dorthin gegangen bin, wo der Vater es
will, ein Andenken an mich, das Lamm, an jedem Fest des mosaischen
Lammes besitzt.
Erhebt euch und lasst uns gehen! Wir werden bei Sonnenaufgang
in die Stadt zurückkehren. Besser: Morgen wirst du, Simon, und du,
mein Bruder (Judas Thaddäus), die Frauen und das Kind hierherholen.
Du, Simon des Jona, und ihr anderen bleibt bei mir, bis sie
zurückkommen. Dann gehen wir zusammen nach Betanien.«
Sie steigen nach Getsemani hinab und begeben sich ins Haus zur
Ruhe.
Ende des Kapitels 243
Ausschnitt Kapitel 411
Lasst uns beten: Vater unser, der du bist in den Himmeln;
geheiligt
werde dein Name von der ganzen Menschheit! Ihn zu kennen bedeutet,
auf dem Weg zur Heiligkeit zu sein. Gib, dass die Heiden und
Völker deine Existenz anerkennen und zu dir kommen, o heiliger Vater,
wie die drei Weisen einstmal zu Gott kamen, zu dir, Vater, vom
Stern Jakobs geführt, vom Morgenstern, zum König und Erlöser aus
dem Stamm Davids, zu deinem Gesalbten, der schon geopfert und
geweiht wurde, um das Opfer für die Sünden der Welt zu sein.
Dein Reich komme an allen Orten der Erde, wo man dich erkennt
und liebt, und auch dort, wo man dich noch nicht kennt. Es komme
vor allem zu jenen, den dreifachen Sündern, die dich, obwohl sie
dich in deinen Werken und den Offenbarungen deines Lichtes kennen,
nicht lieben und versuchen, das in die Welt gekommene Licht
zu ersticken, weil sie Seelen der Finsternis sind, welche die Werke
der Finsternis vorziehen und nichts anderes wollen, als das Licht
der Welt auszulöschen und dich zu beleidigen, weil du das heiligste
Licht bist und der Vater allen Lichtes, angefangen von dem, das
Fleisch und Wort geworden ist, um allen Menschen guten Willens
dein Licht zu bringen.
Dein Wille geschehe, heiliger Vater, in jedem Herzen, das auf
der Welt ist; das heisst, alle Herzen mögen gerettet werden und für niemanden sei das Opfer deines grossen Opferlammes fruchtlos. Denn
das ist dein Wille: dass der Mensch gerettet werde und sich deiner
erfreue, heiliger Vater, nach dem Tag der Vergebung, der nicht mehr
fern ist.
Gib uns deine Hilfe, o Herr, alle deine Hilfe. Gewähre sie allen, die
darauf warten, auch denen, die noch nicht wissen, dass sie darauf
warten. Gib sie den Sündern mit der rettenden Reue; gib sie den
Heiden mit der Verwundung deines erschütternden Rufes; gib sie
den Unglücklichen, den Gefangenen, den Verbannten, den Kranken
an Leib und Seele und allen anderen, du, der du alles bist, denn die
Zeit der Barmherzigkeit ist gekommen.
Verzeihe, o guter Vater, die Sünden deiner Söhne. Die deines Volkes,
die die schlimmsten sind, weil sie von denen begangen werden,
die im Irrtum verharren wollen, während deine Liebe gerade diesem
auserwählten Volke das Licht geschenkt hat. Verzeihe auch jenen,
welche ein elendes Heidentum in Verderbtheit leben lässt, indem es
sie das Laster lehrt. Sie ersticken im Götzendienst dieses belastenden
und übelriechenden Heidentums, während du doch auch sie
liebst, da du sie geschaffen hast. Wir verzeihen. Ich als erster verzeihe,
damit du verzeihen kannst, und über die Schwachheit der
Geschöpfe erflehen wir deinen Schutz, auf dass sie vom Fürsten des
Bösen befreit werden, von dem alle Verbrechen, aller Götzendienst,
alle Sünden, Versuchungen und Irrtümer deiner Geschöpfe herrühren.
Befreie sie, o Herr, von dem schrecklichen Fürsten, auf dass sie
zum ewigen Lichte kommen können.«